Über Lebensenergie, Eigenverantwortung, das Loslassen und den Mut, wirklich Du selbst zu sein.
„Du hast eine Aufgabe zu erfüllen. Du magst tun, was Du willst, magst Hunderte von Plänen verwirklichen, magst ohne Unterbrechung tätig sein – wenn Du aber diese eine Aufgabe nicht erfüllst, wird all Deine Zeit vergeudet sein” (Rumi)
Wann hast Du Dich das letzte Mal so richtig lebendig gefühlt?
Nicht beschäftigt. Nicht erfolgreich. Nicht produktiv. Sondern LEBENDIG!
Wann hast Du zuletzt etwas getan, bei dem Du vollkommen die Zeit vergessen hast? Bei dem Du nicht auf Dein Handy geschaut, nicht über Deine To-do-Liste nachgedacht und nicht schon wieder die nächsten drei Aufgaben im Kopf durchgespielt hast?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Beschäftigung häufig mit Bedeutung verwechselt wird. Höher, schneller, weiter. Mehr leisten, mehr erreichen, mehr besitzen. Der Terminkalender ist voll, die Erwartungen sind hoch und irgendwo zwischen beruflichen Verpflichtungen, privaten Herausforderungen und gesellschaftlichen Ansprüchen bleibt nicht selten eines auf der Strecke:
WIR SELBST.
Dabei ist ein erfülltes Leben nicht zwangsläufig eines, in dem wir besonders viel geschafft haben. Sondern eines, in dem wir bewusst gelebt haben.
Zwölf Monate Leben – und was bleibt davon?
Ich finde es unglaublich spannend, regelmäßig auf die vergangenen zwölf Monate zurückzublicken. Nicht ausschließlich auf Erfolge, Titel, berufliche Entwicklungen oder erreichte Ziele.
Sondern auf das, was uns als Menschen wirklich bewegt hat.
Als Sportlerin kenne ich das Gefühl, monatelang auf ein Ziel hinzuarbeiten. Zu trainieren, zu kämpfen, Grenzen zu verschieben. Als Physiotherapeutin erlebe ich täglich, wie eng körperliche Gesundheit, mentale Belastung und unsere Lebensführung miteinander verbunden sind.
Und als Mensch weiß ich, dass nicht jeder Kampf auf einer Wettkampffläche stattfindet.
Manche der wichtigsten Kämpfe führen wir mit uns selbst.
Deshalb lohnt es sich, einmal ganz bewusst zurückzuschauen:
- Wann war ich wirklich glücklich, motiviert und voller Energie?
- Welche Menschen und Begegnungen haben mein Leben bereichert?
- Welche meiner Stärken konnte ich einsetzen – und welche habe ich vielleicht viel zu lange versteckt?
- Worauf bin ich stolz, auch wenn es niemand anderes gesehen hat?
- Welche Träume habe ich verwirklicht? Welche habe ich immer wieder verschoben?
- Was hat mich verletzt, enttäuscht oder ausgebremst?
- Und vor allem: Von welchen Menschen, Erwartungen, Gewohnheiten oder Überzeugungen konnte ich mich endlich lösen?
Vielleicht waren die vergangenen zwölf Monate eine Komödie. Vielleicht ein Drama. Vielleicht ein Abenteuerfilm mit reichlich unerwarteten Wendungen.
Aber eine Frage finde ich besonders interessant:
Warst Du die Hauptfigur Deines eigenen Lebens – oder hast Du überwiegend eine Nebenrolle in den Geschichten anderer gespielt?
Energieräuber und Kraftspender – Deine persönliche Energiebilanz
Im Sport sprechen wir selbstverständlich über Regeneration, Trainingsbelastung, Energiebereitstellung und Leistungsfähigkeit.
Wir wissen, dass ein Körper nicht dauerhaft Höchstleistungen erbringen kann, wenn er keine Gelegenheit bekommt, seine Ressourcen wieder aufzufüllen.
Warum erwarten wir genau das aber häufig von unserer Psyche?
Wir investieren Zeit in Menschen, die uns nicht guttun. Führen Gespräche, die uns auslaugen. Erfüllen Erwartungen, die nicht unsere eigenen sind. Bleiben in Situationen, die uns längst nicht mehr glücklich machen.
Und wundern uns irgendwann, warum wir erschöpft sind.
Nicht jede Erschöpfung entsteht durch zu viel Arbeit. Manchmal entsteht sie dadurch, dass wir zu lange gegen uns selbst leben.
Deshalb habe ich eine kleine Aufgabe für Dich:
Nimm Dir ein Blatt Papier und schreibe zehn Dinge auf, die Dir Energie rauben.
Menschen, Gespräche, Verpflichtungen, Gewohnheiten, Orte, Gedanken oder Situationen.
Und dann schreibe zehn Dinge auf, die Dir Energie schenken.
Vielleicht ist es der Sport. Das Schwimmen am frühen Morgen, wenn die Welt noch schläft. Ein intensives Training, bei dem Du vollkommen im Moment bist. Ein Spaziergang in der Natur. Das Meer. Deine Hunde. Ein inspirierendes Gespräch. Eine ehrliche Umarmung. Oder einfach einmal Stille.
Vergleiche beide Listen.
Und frage Dich:
Warum gebe ich den Dingen, die mir Kraft rauben, häufig mehr Raum als denen, die mich glücklich machen?
Dein Schatten gehört zu Dir
Wir alle haben Eigenschaften, Erfahrungen und Gefühle, die wir lieber verdrängen würden.
Enttäuschungen. Ängste. Wut. Unsicherheiten. Fehler.
Doch persönliche Entwicklung bedeutet nicht, ausschließlich positiv zu denken und alles Unangenehme auszublenden.
Es bedeutet, sich selbst auch mit den weniger schönen Seiten anzunehmen.
Wer seine Schattenseiten ständig bekämpft, investiert unglaublich viel Energie in einen inneren Widerstand.
Dabei entsteht Stärke nicht dadurch, dass wir niemals zweifeln, niemals scheitern oder niemals verletzt werden.
Stärke entsteht auch dadurch, dass wir lernen, mit diesen Erfahrungen umzugehen, ohne uns von ihnen bestimmen zu lassen.
Das gilt übrigens im Sport genauso wie im Leben.
Nicht jeder Wettkampf wird gewonnen. Nicht jede Trainingseinheit läuft perfekt. Nicht jeder Mensch wird unsere Entscheidungen verstehen.
Und das muss auch niemand.
Wir dürfen lernen, mit uns selbst im Reinen zu sein, ohne perfekt sein zu müssen.
Die bequemste Komfortzone heißt: AUSREDE!
Jetzt wird es vielleicht ein bisschen unbequem.
Wie oft sagen wir:
„Dafür habe ich keine Zeit.“
„Das kann ich nicht.“
„Dafür bin ich zu alt.“
„Wenn die Umstände anders wären, würde ich …“
„Ich würde ja gerne, aber …“
Natürlich gibt es reale Hindernisse, gesundheitliche Einschränkungen und Lebensumstände, die wir nicht einfach verändern können.
Aber es gibt eben auch die andere Seite.
Die Ausreden, hinter denen wir unsere Unsicherheit verstecken. Die Gewohnheiten, die uns Sicherheit vorgaukeln. Und die Angst davor, Verantwortung für unsere eigenen Entscheidungen zu übernehmen.
Ich erlebe es im Sport immer wieder: Menschen möchten leistungsfähiger, beweglicher oder gesünder werden. Doch häufig soll sich möglichst viel verändern, ohne dass sie selbst etwas verändern müssen.
So funktioniert weder Training noch Leben.
Entwicklung beginnt dort, wo wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Deshalb meine nächste Aufgabe:
Schreibe sämtliche Gründe auf, weshalb Du Deine Ziele bislang nicht verwirklicht hast.
Und dann lies sie noch einmal.
Welche Gründe sind tatsächlich unveränderbare Hindernisse? Welche sind Herausforderungen, für die Du Lösungen finden könntest? Und welche sind schlichtweg Ausreden?
Sei ehrlich zu Dir selbst.
Nicht, um Dich zu verurteilen. Sondern um wieder handlungsfähig zu werden.
Loslassen ist kein Scheitern
Wir lernen früh, durchzuhalten, zu kämpfen und nicht aufzugeben.
Eigenschaften, die ich im Sport sehr schätze.
Aber nicht alles verdient unseren Kampfgeist.
Manchmal beweist sich Stärke nicht darin, noch länger festzuhalten, sondern darin, endlich loszulassen.
Von Menschen, die unsere Grenzen nicht respektieren. Von Erwartungen, die nicht zu unseren Werten passen. Von alten Überzeugungen, die uns kleinhalten. Oder von Zielen, die längst nicht mehr unsere eigenen sind.
Loslassen bedeutet nicht zwangsläufig, dass uns etwas egal geworden ist.
Es bedeutet manchmal einfach, dass uns unser eigener innerer Frieden wichtiger geworden ist.
„Wenn Du traurig bist, schau in Dein Herz, und Du wirst erkennen, dass Du weinst um das, was Dir Freude bereitet.“
— Khalil Gibran zugeschrieben
Nicht alles, was wir verabschieden, war schlecht.
Manche Dinge waren wunderschön – und gehören trotzdem nicht mehr in unsere Zukunft.
Danke sagen. Auch für die unbequemen Lektionen.
Wir brauchen keinen 31. Dezember, um Bilanz zu ziehen.
Warum nicht heute?
Schreibe einen Brief an die vergangenen zwölf Monate.
Bedanke Dich für die schönen Erfahrungen, die kleinen und großen Erfolge, die besonderen Begegnungen und die Momente, in denen Du über Dich hinausgewachsen bist.
Aber bedanke Dich auch für die Lektionen.
Für die Grenzen, die Du erkannt hast. Für die Entscheidungen, die Du heute anders treffen würdest. Für die Erfahrungen, die Dir gezeigt haben, was Du wirklich möchtest – und was eben nicht mehr.
Und dann schreibe einen zweiten Brief.
An Menschen, die Dich begleitet, unterstützt, inspiriert oder einfach nur zum Lachen gebracht haben.
Wir sind häufig erstaunlich schnell darin, Kritik zu äußern. Aber viel zu zurückhaltend, wenn es darum geht, echte Wertschätzung auszusprechen.
Vielleicht ist heute der richtige Tag, das zu ändern.
Und wenn Du etwas symbolisch verabschieden möchtest, dann schreibe es auf und zerreiße den Zettel. Oder verbrenne ihn an einem sicheren Ort.
Nicht, weil dadurch Probleme magisch verschwinden.
Sondern weil bewusste Rituale uns helfen können, Entscheidungen einen sichtbaren Abschluss zu geben.
Und jetzt? RAUS AUS DER KOMFORTZONE!
Ich liebe Herausforderungen.
Nicht ausschließlich wegen des Erfolgs am Ende. Sondern wegen des Weges dorthin.
Wegen der Entwicklung, der Erfahrungen, der Menschen, denen man begegnet. Wegen der Momente, in denen man feststellt, dass die eigenen Grenzen vielleicht doch nicht dort liegen, wo man sie vermutet hat.
Aber dafür müssen wir bereit sein, Neues auszuprobieren.
Manchmal bedeutet das, an einem Wettkampf teilzunehmen. Eine neue Sportart zu erlernen. Alleine zu verreisen. Eine berufliche Veränderung zu wagen. Ein schwieriges Gespräch zu führen.
Und manchmal bedeutet es, zum ersten Mal ganz bewusst NEIN zu sagen.
Deshalb zum Abschluss noch eine kleine Spielaufgabe:
Was könntest Du HEUTE tun, um Dir selbst zu beweisen, dass Du es mit Deinen Wünschen, Zielen und Deinem Leben wirklich ernst meinst?
Etwas, das Dich ein bisschen nervös macht.
Etwas, bei dem Du gleichzeitig dieses Kribbeln im Bauch spürst.
Etwas, das Dir ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn Du nur daran denkst.
Und dann?
MACH ES!
Nicht irgendwann. Nicht, wenn alle Umstände perfekt sind. Nicht erst zum nächsten Jahreswechsel.
Sondern heute mit einem ersten, vielleicht noch ganz kleinen Schritt.
Denn das Leben wartet nicht darauf, dass wir irgendwann mit unserer To-do-Liste fertig sind.
Wir können unglaublich viel erreichen und trotzdem an dem vorbeileben, was uns wirklich wichtig ist.
Deshalb sollten wir uns immer wieder fragen, ob wir lediglich Erwartungen erfüllen – oder tatsächlich unser eigenes Leben gestalten.
Und vielleicht ist genau das unsere wichtigste Aufgabe:
Nicht möglichst viel aus unserem Leben herauszuholen. Sondern möglichst viel echtes Leben hineinzubringen.
Move. Heal. Perform.
Kristina Linn