15. September 2026 · Allgemein

Erst das ABC – warum die Basics oft wichtiger sind als höher, schneller, weiter

Höher. Schneller. Weiter.

Drei Worte, die unsere Gesellschaft ziemlich gut beschreiben.

Mehr Leistung.
Mehr Tempo.
Mehr Erfolg.
Mehr Gewicht bewegen.
Mehr Kilometer.
Mehr Trainingsumfang.
Mehr Wettkämpfe.

Und bitte möglichst schnell.

Gerade im Sport begegnet mir dieses Denken immer wieder. Besonders, wenn Menschen mit dem Schwimmen oder Triathlon beginnen.

Da wird über Trainingspläne, Zeiten, Distanzen, Wattzahlen, Pace und Wettkampfziele gesprochen.

Aber manchmal fehlt etwas ganz Entscheidendes:

Das ABC.


Bevor wir Geschichten schreiben, sollten wir lesen können

Ich finde diesen Gedanken eigentlich wunderbar simpel:

Ein Kind lernt zunächst das Alphabet, bevor es einen Roman schreibt.

Es lernt einzelne Buchstaben.
Dann Wörter.
Dann Sätze.
Und irgendwann entsteht daraus eine Geschichte.

Im Sport ist es nicht anders.

Bevor ich schneller schwimme, sollte ich erst einmal gut schwimmen können.

Bevor ich meine Distanz erhöhe, sollte ich meinen Körper über diese Distanz kontrolliert und technisch sauber bewegen können.

Bevor ich immer mehr trainiere, sollte ich wissen, wie ich trainiere.

Und bevor ich Leistung steigere, sollte ich meinem Körper überhaupt erst einmal die Möglichkeit geben, die Bewegung vernünftig zu lernen.

Das klingt banal.

Ist es aber offensichtlich nicht.


Gerade beim Schwimmen wird das sehr deutlich

Ich erlebe immer wieder Menschen, die voller Motivation ins Wasser springen und möglichst schnell möglichst viele Bahnen schwimmen möchten.

1000 Meter.
2000 Meter.
3000 Meter.

Noch eine Bahn.

Noch eine.

Noch eine.

Und irgendwann ist man stolz darauf, wie viele Meter man geschafft hat.

Aber die entscheidende Frage lautet für mich nicht:

„Wie viele Meter bist Du geschwommen?“

Sondern:

„Wie bist Du diese Meter geschwommen?“

Wie sieht Deine Wasserlage aus?

Wie atmest Du?

Wie bewegst Du Deine Schulter?

Was machen Deine Hände?

Wie arbeiten Deine Beine?

Wie stabil ist Dein Rumpf?

Wie viel Spannung brauchst Du?

Und wie viel davon ist eigentlich unnötige Spannung?

Wie sieht Deine Bewegung aus, wenn Du müde wirst?

Denn genau dort beginnt für mich Qualität.


Die Schönheitsnote ist nicht unwichtig

Natürlich geht es beim Sport auch um Leistung.

Ich liebe Leistung.

Ich bin selbst Sportlerin und weiß sehr genau, wie schön es ist, sich Ziele zu setzen und diese zu erreichen.

Aber Leistung ist für mich nicht nur eine Zahl.

Leistung ohne Qualität ist für mich nur die halbe Geschichte.

Denn eine Bewegung kann schnell sein und trotzdem schlecht organisiert.

Ich kann eine große Distanz schaffen und dabei meinen Körper permanent kompensieren lassen.

Ich kann stärker werden und gleichzeitig meine Bewegungsqualität verlieren.

Und ich kann immer mehr machen – ohne tatsächlich besser zu werden.

Genau deshalb interessiert mich die „Schönheitsnote“.

Nicht im Sinne von perfekt oder ästhetisch.

Sondern im Sinne von:

Wie gut funktioniert mein Körper bei dem, was ich von ihm verlange?


Und damit sind wir plötzlich nicht mehr nur beim Sport

Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich an diesem Thema so beschäftigt.

Denn dieses „höher – schneller – weiter“ begegnet uns nicht nur im Training.

Es begegnet uns im gesamten Leben.

Im Beruf.

In der Karriere.

In Unternehmen.

Bei Gehältern.

Bei Followern.

Bei Umsätzen.

Bei Titeln.

Bei der Selbstoptimierung.

Immer weiter.

Immer schneller.

Immer mehr.

Und häufig auch:

Ich gegen Dich.

Der Nächste muss überholt werden.

Der nächste Schritt muss größer sein.

Das nächste Ziel muss höher liegen.

Und zwischendrin vergessen wir manchmal etwas ganz Einfaches:

Wie geht es mir eigentlich dabei?


Vielleicht brauchen wir manchmal weniger „mehr“

Vielleicht ist nicht immer die nächste Steigerung die Lösung.

Vielleicht ist manchmal die Lösung:

langsamer werden.

Noch einmal zurückgehen.

Die Bewegung neu lernen.

Den Fuß richtig aufsetzen.

Die Atmung beobachten.

Die Körperspannung spüren.

Eine Technik korrigieren.

Eine Pause machen.

Eine Bewegung hundertmal sauber ausführen, statt sie tausendmal irgendwie zu wiederholen.

Das fühlt sich im ersten Moment vielleicht nicht nach Fortschritt an.

Ist es aber häufig.

Denn langsam bedeutet nicht automatisch schlechter.

Und weniger bedeutet nicht automatisch weniger Leistung.

Manchmal ist weniger sogar die Voraussetzung dafür, später mehr leisten zu können.


Das ABC ist keine Bremse

Ich glaube, wir sollten aufhören, Basics als etwas zu betrachten, das man möglichst schnell hinter sich bringen muss.

Das ABC ist keine lästige Vorstufe.

Das ABC ist das Fundament.

Und je höher ich bauen möchte, desto wichtiger wird dieses Fundament.

Ein sauberer Bewegungsablauf.

Eine gute Körperwahrnehmung.

Eine vernünftige Belastungssteuerung.

Regeneration.

Mobilität.

Stabilität.

Koordination.

Atmung.

Und vor allem:

die Fähigkeit, den eigenen Körper zu verstehen.

Das ist für mich Gesundheitsprävention.

Nicht erst dann anfangen, wenn etwas weh tut.

Sondern vorher dafür sorgen, dass der Körper möglichst lange das tun kann, was wir von ihm möchten.


Also: Erst das ABC. Dann der Rest.

Das ABC ist keine Bremse, sondern das Fundament für nachhaltige Leistung: ein sauberer Bewegungsablauf, Körperwahrnehmung, Belastungssteuerung, Regeneration, Mobilität, Stabilität, Koordination und Atmung.

Deshalb muss Fortschritt nicht immer bedeuten, mehr zu machen. Vielleicht reicht es heute, eine Bahn weniger zu schwimmen – dafür bewusster, technisch sauberer und mit weniger unnötiger Spannung. Nicht schneller, weiter oder härter, sondern so, dass Dein Körper langfristig gesund und leistungsfähig bleibt.

Setz Dir große Ziele. Schwimm Deine 3.000 Meter. Mach Deinen Triathlon. Verbessere Deine Zeit. Aber vergiss auf dem Weg dorthin nicht die Grundlagen.

Beherrsche Dein ABC – und mach den nächsten Schritt nicht größer, sondern besser.