„Was stimmt eigentlich mit den anderen nicht?“
Eine erstaunlich häufige Frage.
Wir beobachten, bewerten, vergleichen und kommentieren. Wir wissen, was andere falsch machen, wie sie sich besser ernähren sollten, wie sie mit ihrem Partner umgehen müssten, dass sie zu viel oder zu wenig Sport treiben, die falschen Entscheidungen treffen oder sich überhaupt völlig falsch verhalten.
Und während wir damit beschäftigt sind, den „Müll“ vor der Haustür anderer Menschen zu sortieren, übersehen wir manchmal den ziemlich großen Haufen, der vor unserer eigenen Tür liegt.
Vielleicht sollten wir dort anfangen.
Warum wir so gerne nach draußen schauen
Es ist viel einfacher, die Schwächen anderer zu erkennen als die eigenen.
Der andere ist zu unsportlich.
Zu eitel.
Zu laut.
Zu faul.
Zu erfolgreich.
Zu selbstbewusst.
Zu unvernünftig.
Zu irgendetwas.
Wir finden erstaunlich schnell Gründe, warum jemand anderes sein Leben anders führen sollte.
Aber warum eigentlich?
Manchmal, weil uns das Verhalten des anderen tatsächlich stört.
Und manchmal, weil es etwas in uns selbst berührt.
Eine eigene Unsicherheit. Einen unerfüllten Wunsch. Neid. Frustration. Oder die Erkenntnis, dass wir selbst gerade nicht dort stehen, wo wir gerne wären.
Dann ist es einfacher, den anderen abzuwerten, als sich selbst eine unbequeme Frage zu stellen.
Kritik als Ablenkungsmanöver
Wenn ich mit mir und meinem Leben zufrieden bin, muss ich andere Menschen nicht ständig korrigieren.
Ich kann jemandem seinen Erfolg gönnen, ohne meinen eigenen daran zu messen.
Ich kann einen trainierten Körper bewundern, ohne meinen eigenen abzuwerten.
Ich kann akzeptieren, dass jemand anders lebt als ich.
Und ich kann sogar sagen:
„Das würde ich anders machen.“
Ohne daraus ein Urteil über den Menschen zu machen.
Denn Selbstsicherheit braucht keine Abwertung anderer Menschen.
Wer mit sich selbst im Reinen ist, muss nicht ständig beweisen, dass andere etwas falsch machen.
Der Müll vor der eigenen Tür
Vielleicht sollten wir uns deshalb viel öfter fragen:
Wie sieht es eigentlich vor meiner eigenen Tür aus?
Welche Themen schiebe ich seit Monaten vor mir her?
Welche Entscheidungen treffe ich nicht?
Welche Verantwortung gebe ich anderen?
Wo rede ich über Veränderung, statt sie selbst umzusetzen?
Wo kritisiere ich andere für Dinge, die ich bei mir selbst nur ungern anschauen möchte?
Und wo erzähle ich mir vielleicht sogar, dass andere das Problem sind, weil ich mich nicht mit meinem eigenen Problem beschäftigen möchte?
Das ist unbequem.
Aber genau deshalb kann es wertvoll sein.
Denn Selbstreflexion bedeutet nicht, sich selbst fertigzumachen.
Sie bedeutet, ehrlich hinzuschauen.
Auch im Sport sehen wir das ständig
Gerade beim Thema Körper und Bewegung wird das besonders deutlich.
Wir urteilen über Menschen, die keinen Sport machen.
Über Menschen, die „zu viel“ Sport machen.
Über Menschen, die abnehmen wollen.
Über Menschen, die ihren Körper zeigen.
Über Menschen, die ihn verändern wollen.
Und manchmal steckt hinter dieser Bewertung gar keine echte Sorge um den anderen.
Sondern die eigene Beziehung zum eigenen Körper.
Vielleicht erinnert uns der sportliche Mensch daran, dass wir selbst gerne aktiver wären.
Vielleicht löst der schlanke Körper eigene Unsicherheiten aus.
Vielleicht ärgert uns die Disziplin des anderen, weil wir selbst gerade Schwierigkeiten haben, unsere eigenen Vorsätze einzuhalten.
Dann wird aus:
„Was macht die denn da?“
vielleicht eigentlich:
„Warum schaffe ich das gerade nicht?“
Und das ist ein ganz anderer Satz.
Selbstakzeptanz und Entwicklung schließen sich nicht aus
Vor der eigenen Tür zu kehren bedeutet übrigens nicht, dass wir uns mit allem abfinden müssen.
Im Gegenteil.
Wir dürfen uns verändern.
Wir dürfen fitter werden.
Wir dürfen abnehmen.
Wir dürfen stärker werden.
Wir dürfen eine Beziehung beenden, einen neuen Beruf beginnen, Grenzen setzen oder uns neue Ziele suchen.
Aber der Ausgangspunkt sollte nicht immer sein:
„Ich bin nicht gut genug.“
Sondern:
„Ich bin mir wichtig genug, um etwas für mich zu verändern.“
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Denn Veränderung aus Selbsthass macht uns selten dauerhaft zufrieden.
Veränderung aus Selbstachtung kann dagegen unglaublich kraftvoll sein.
Und was ist mit berechtigter Kritik?
Natürlich müssen wir nicht alles schönreden.
Es gibt Verhalten, das wir kritisieren dürfen.
Es gibt Grenzen, die wir setzen müssen.
Es gibt Situationen, in denen wir widersprechen sollten.
Aber vielleicht lohnt es sich, zwischen Kritik und Abwertung zu unterscheiden.
Kritik beschäftigt sich mit einem Verhalten.
Abwertung macht den Menschen klein.
Kritik kann helfen, etwas zu verändern.
Abwertung soll häufig nur einen Unterschied herstellen:
Ich bin besser als du.
Und genau da sollten wir aufmerksam werden.
Vielleicht brauchen wir manchmal einfach einen Besen
Bevor wir also wieder anfangen, den Müll vor der Haustür anderer Menschen zu kommentieren, könnten wir uns einen Besen nehmen und einmal vor der eigenen Tür anfangen.
Nicht, weil bei uns alles perfekt sein muss.
Sondern weil es bei jedem Menschen etwas zu kehren gibt.
Eigene Ängste.
Eigene Unsicherheiten.
Eigene Fehler.
Eigene unerledigte Themen.
Eigene Erwartungen.
Eigene Baustellen.
Und vielleicht stellen wir dabei fest:
Der Müll des anderen war eigentlich gar nicht unser Problem.
Unser Problem war, dass wir unseren eigenen nicht sehen wollten.
Und vielleicht ist genau das ein ziemlich guter Moment, um anzufangen.
Nicht mit dem Leben der anderen.
Sondern mit unserem eigenen.
Weniger urteilen.
Mehr hinschauen.
Weniger vergleichen.
Mehr Verantwortung übernehmen.
Und vielleicht einfach öfter vor der eigenen Tür kehren.