Warum wir aufhören sollten, Menschen ständig optimieren zu wollen
Höher. Schneller. Weiter. Dünner. Erfolgreicher. Perfekter.
Manchmal frage ich mich, wann wir eigentlich angefangen haben, das Leben zu einem einzigen Optimierungsprojekt zu machen.
Wir optimieren unsere Ernährung, unsere Körper, unsere Trainingspläne, unsere Karrieren und am besten auch noch unsere Freizeit.
Und wehe, jemand entspricht nicht den Erwartungen.
Dann kommen sie, die vermeintlich gut gemeinten Ratschläge:
„Du musst einfach mehr Disziplin haben.“
„Du solltest ein bisschen abnehmen.“
„Du musst nur mehr trainieren.“
Oder eben:
„Iss doch endlich mal normal!“
Aber was ist eigentlich normal?
Und wer entscheidet darüber?
Manchmal liegt das Problem nicht nur auf dem Teller
Das Buch „Iß doch endlich mal normal! – Hilfen für Angehörige von eßgestörten Mädchen und Frauen“ von Bärbel Wardetzki hat mich auf einen Gedanken gebracht, der weit über das Thema Ernährung hinausgeht.
Wir betrachten Menschen häufig isoliert.
Jemand hat ein Problem mit dem Essen.
Jemand trainiert zu viel.
Jemand ist ständig gestresst.
Jemand kann nicht abschalten.
Und dann versuchen wir, das sichtbare Verhalten zu verändern.
Iss mehr.
Trainiere weniger.
Entspann Dich.
Sei nicht so perfektionistisch.
Aber vielleicht sollten wir viel häufiger fragen:
Was steckt eigentlich dahinter?
Welche Erwartungen begleiten diesen Menschen?
Welche Rolle spielt sein Umfeld?
Welchen Stellenwert haben Anerkennung, Leistung und Kontrolle?
Und wie viel Raum bleibt eigentlich noch für die eigenen Bedürfnisse?
Essstörungen sind komplexe psychische Erkrankungen. Familiäre und gesellschaftliche Einflüsse können eine Rolle spielen, sind aber weder eine alleinige Erklärung noch ein Grund, Angehörigen die Schuld zu geben.
Gerade deshalb ist es wichtig, nicht vorschnell zu urteilen.
Die Familie – unser erstes Trainingslager fürs Leben?
Schon früh lernen wir, was in unserem Umfeld Anerkennung findet.
Gute Noten.
Ordentliches Benehmen.
Sportliche Erfolge.
Ein bestimmtes Aussehen.
Fleiß.
Disziplin.
Leistung.
Natürlich sind Werte wie Zuverlässigkeit, Konsequenz und Leistungsbereitschaft wichtig. Ich selbst schätze sie sehr.
Aber was passiert, wenn Anerkennung irgendwann nur noch an Bedingungen geknüpft erscheint?
Wenn ein Kind das Gefühl entwickelt, nur dann gut genug zu sein, wenn es Erwartungen erfüllt?
Wenn Fehler als Schwäche gelten?
Wenn der eigene Körper ständig kommentiert wird?
Dann können sich Überzeugungen entwickeln, die uns weit ins Erwachsenenleben begleiten.
Ich muss leisten, um anerkannt zu werden.
Ich darf keine Schwäche zeigen.
Ich muss alles unter Kontrolle haben.
Und plötzlich ist das Leben kein Miteinander mehr, sondern ein permanenter Wettbewerb.
Der Sport ist ein Spiegel unserer Gesellschaft
Ich liebe den Leistungssport.
Ich liebe Kickboxen, Schwimmen und die Herausforderung, mich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Aber gerade im Sport sehe ich auch, wie stark gesellschaftliche Erwartungen wirken können.
Mehr Kilometer.
Weniger Körperfett.
Schnellere Zeiten.
Mehr Training.
Noch ein Wettkampf.
Noch ein Erfolg.
Natürlich dürfen wir ambitioniert sein.
Aber wann wird aus einer gesunden Herausforderung ein Zwang?
Wann trainieren wir nicht mehr aus Freude, sondern aus Angst, nicht gut genug zu sein?
Wann wird aus Disziplin eine starre Regel, von der wir nicht mehr abweichen können?
Und wann beginnt der Sport, unser Leben zu beherrschen, statt es zu bereichern?
Ein gesunder Körper braucht nicht nur Belastung. Er braucht auch Versorgung, Regeneration und Respekt.
Der Blick von außen kann verletzen
„Du hast aber zugenommen.“
„Du bist ganz schön dünn geworden.“
„Willst Du das wirklich essen?“
„Du trainierst wohl nicht mehr so viel?“
Solche Bemerkungen fallen häufig ganz nebenbei.
Beim Familienessen.
Im Fitnessstudio.
Im Freundeskreis.
Oder am Arbeitsplatz.
Manchmal sind sie sogar als Kompliment gemeint.
Aber wir wissen nicht, was sie bei unserem Gegenüber auslösen.
Vielleicht kämpft dieser Mensch gerade mit seinem Körperbild.
Vielleicht versucht er, eine Essstörung zu überwinden.
Vielleicht steckt er in einer schwierigen Lebensphase.
Vielleicht möchte er einfach nur in Ruhe sein Stück Kuchen genießen.
Wir müssen nicht jeden Körper kommentieren.
Und wir müssen nicht jeden Menschen verbessern.
Manchmal ist es viel wertvoller, einfach zuzuhören.
Helfen bedeutet nicht, kontrollieren zu müssen
Besonders wichtig finde ich den Blick auf die Angehörigen.
Wenn ein Mensch unter einer Essstörung leidet, erleben Familie und Freunde häufig große Unsicherheit.
Sie machen sich Sorgen.
Sie möchten helfen.
Sie haben Angst.
Und manchmal versuchen sie, diese Angst durch Kontrolle zu bewältigen.
Sie beobachten jede Mahlzeit.
Kommentieren jede Veränderung.
Diskutieren über Mengen und Gewicht.
Oder appellieren immer wieder an die Vernunft.
Doch eine Essstörung lässt sich nicht durch Aufforderungen oder Willenskraft allein überwinden.
Was Angehörige brauchen, ist ebenfalls Unterstützung.
Information.
Entlastung.
Die Möglichkeit, eigene Gefühle und Grenzen wahrzunehmen.
Und die Erkenntnis, dass sie nicht allein für die Genesung verantwortlich sind.
Unterstützung bedeutet nicht, alles kontrollieren zu müssen.
Es bedeutet, in Beziehung zu bleiben, zuzuhören und gemeinsam mit professioneller Hilfe nach Wegen zu suchen.
Und was hat das mit meiner Arbeit als Physiotherapeutin zu tun?
Eine ganze Menge.
Denn auch in der Physiotherapie sehe ich nicht nur ein Knie, eine Schulter oder einen Rücken.
Ich sehe einen Menschen.
Mit seiner Geschichte.
Seinen Gewohnheiten.
Seinen Erwartungen.
Seinem Alltag.
Und manchmal auch mit einem enormen Druck, möglichst schnell wieder funktionieren zu müssen.
„Wann kann ich wieder trainieren?“
„Wie schnell bin ich wieder fit?“
„Kann ich nicht einfach weitermachen?“
Ich verstehe diese Fragen.
Aber manchmal ist die wichtigere Frage:
Was braucht Dein Körper gerade wirklich?
Vielleicht braucht er eine gezielte Behandlung.
Vielleicht eine bessere Bewegungsstrategie.
Vielleicht mehr Kraft.
Vielleicht eine andere Belastungssteuerung.
Und vielleicht braucht er auch einmal Ruhe.
Nicht jede Beschwerde ist Ausdruck von Stress oder psychischen Konflikten. Aber der Mensch und sein Lebensumfeld gehören für mich zu einer umfassenden Betrachtung dazu.
Erst das ABC – auch im Umgang mit uns selbst
Vor Kurzem habe ich darüber geschrieben, wie wichtig die Grundlagen im Sport sind.
Bevor wir immer schneller schwimmen, sollten wir lernen, technisch sauber zu schwimmen.
Bevor wir die Trainingsumfänge erhöhen, sollten wir unsere Belastung sinnvoll steuern können.
Und bevor wir immer mehr von unserem Körper verlangen, sollten wir lernen, seine Signale wahrzunehmen.
Vielleicht gilt dieses ABC aber auch für unser Leben.
A wie Achtsamkeit.
Was brauche ich eigentlich?
B wie Bedürfnisse.
Kann ich meine eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und ernst nehmen?
C wie Courage.
Habe ich den Mut, auch einmal Nein zu sagen, Erwartungen zu hinterfragen und meinen eigenen Weg zu gehen?
Nicht immer mehr.
Nicht immer schneller.
Nicht immer perfekter.
Sondern bewusster.
Vielleicht sollten wir wieder mehr miteinander statt gegeneinander leben
Unsere Gesellschaft ist stark von Wettbewerb geprägt.
Im Beruf.
In der Karriere.
Im Sport.
Und manchmal sogar innerhalb der Familie.
Wer verdient mehr?
Wer ist erfolgreicher?
Wer sieht besser aus?
Wer trainiert härter?
Wer hat die größere Disziplin?
Aber muss wirklich alles ein Wettbewerb sein?
Was wäre, wenn wir uns gegenseitig häufiger unterstützen würden, statt uns ständig zu vergleichen?
Wenn wir Erfolge anderer anerkennen könnten, ohne uns selbst dadurch kleiner zu fühlen?
Wenn wir Menschen nicht auf ihre Leistung, ihr Aussehen oder ihre vermeintlichen Schwächen reduzieren würden?
Respekt, Wertschätzung und ein echtes Miteinander sind für mich keine Zeichen von Schwäche.
Sie sind wichtige Grundlagen für ein gesundes Zusammenleben.
Mein Fazit: Du musst nicht perfekt sein, um wertvoll zu sein.
Ich werde weiterhin frühmorgens schwimmen gehen.
Ich werde weiterhin kickboxen, trainieren und mir sportliche Ziele setzen.
Ich werde weiterhin Leistung lieben.
Aber ich möchte nie vergessen, dass Leistung nicht alles ist.
Dass ein Mensch mehr ist als sein Körpergewicht.
Mehr als seine Wettkampfergebnisse.
Mehr als seine berufliche Position.
Und mehr als die Erwartungen, die andere an ihn stellen.
Vielleicht sollten wir uns selbst und unserem Gegenüber häufiger eine ganz andere Frage stellen.
Nicht:
„Warum funktionierst Du nicht?“
Sondern:
„Wie geht es Dir eigentlich wirklich?“
Denn manchmal braucht es keine weiteren Ratschläge.
Keine zusätzlichen Regeln.
Keine neue Diät.
Und keinen weiteren Trainingsplan.
Sondern Verständnis.
Respekt.
Professionelle Unterstützung, wenn sie notwendig ist.
Und die Freiheit, nicht ständig perfekt sein zu müssen.
Wir müssen nicht immer mehr aus uns machen. Manchmal dürfen wir einfach lernen, besser mit uns selbst und miteinander umzugehen.