01. Februar 2025 · Allgemein

Ausreden. Die Geschichten, mit denen wir uns selbst klein halten

„Ich habe keine Zeit.“

„Ich kann das gerade nicht.“

„Das ist momentan einfach nicht möglich.“

„Ich habe schon so viel versucht.“

„Ich bin nicht diszipliniert genug.“

„Die anderen sind schuld.“

„Wenn sich die Situation erst einmal verändert …“

„Wenn ich mehr Zeit habe.“

„Wenn ich weniger Stress habe.“

„Wenn ich mich besser fühle.“

„Wenn der richtige Zeitpunkt kommt.“

Kennst Du diese Sätze?

Vielleicht nicht genau in dieser Form.

Aber irgendwo in Deinem Leben gibt es sie.

Sätze, die erklären, warum Du etwas nicht tust, obwohl Du es eigentlich tun möchtest.

Warum Du in einer Situation bleibst, die Dich unglücklich macht.

Warum Du einen Traum immer wieder auf später verschiebst.

Warum Du Dich nicht bewegst, obwohl Dein Körper danach verlangt.

Warum Du Dich selbst immer wieder an die letzte Stelle setzt.

Warum Du nicht den Schritt gehst, von dem Du tief in Dir weißt, dass Du ihn eigentlich gehen möchtest.

Wir nennen diese Sätze oft Gründe.

Und manchmal sind sie das auch.

Aber manchmal sind sie etwas anderes.

Manchmal sind sie Ausreden.

Und das Schwierige an Ausreden ist:

Sie fühlen sich selten wie Ausreden an.

Wir glauben unsere eigenen Geschichten

Eine Ausrede muss nicht gelogen sein.

Das macht sie so mächtig.

Du kannst wirklich keine Zeit haben.

Du kannst wirklich müde sein.

Du kannst wirklich zu viel Stress haben.

Du kannst wirklich schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Du kannst wirklich von anderen Menschen enttäuscht oder verletzt worden sein.

Du kannst wirklich ungerecht behandelt worden sein.

Das Leben ist nicht immer fair.

Und nicht alles, was Dir passiert, liegt in Deiner Verantwortung.

Aber irgendwann kommt der Moment, an dem eine andere Frage wichtig wird.

Nicht:

„Warum ist das passiert?“

Sondern:

„Was mache ich jetzt damit?“

Denn genau hier beginnt der Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung.

Du bist nicht für alles verantwortlich, was Dir passiert.

Aber Du bist häufig verantwortlich dafür, was Du als Nächstes daraus machst.

Und genau das vergessen wir manchmal.

Die Liste, die niemand gerne schreibt

Ich möchte Dir eine kleine Aufgabe geben.

Nimm ein Blatt Papier.

Und schreibe ganz oben:

„Warum lebe ich mein Leben nicht so, wie ich es eigentlich möchte?“

Dann schreib alles auf.

Alles.

Nicht nur die Antworten, die gut klingen.

Nicht nur die Erklärungen, die Du anderen Menschen erzählen würdest.

Sondern auch die Dinge, die Du Dir selbst erzählst.

„Ich habe keine Zeit.“

„Ich bin zu müde.“

„Ich kann es mir nicht leisten.“

„Ich bin nicht gut genug.“

„Ich bin zu alt.“

„Ich bin zu jung.“

„Ich habe keine Unterstützung.“

„Meine Familie braucht mich.“

„Mein Partner versteht mich nicht.“

„Mein Chef macht mich kaputt.“

„Ich hatte einfach Pech.“

„Ich kann ja nichts dafür.“

„Ich habe schon so viel versucht.“

„Bei mir funktioniert das einfach nicht.“

Schreib alles auf.

Auch das, was unangenehm ist.

Gerade das.

Und wenn Du fertig bist, lies Dir die Liste noch einmal durch.

Langsam.

Punkt für Punkt.

Und dann stelle Dir eine Frage:

Ist das wirklich ein Hindernis?

Oder ist es vielleicht eine Geschichte, die ich mir erzähle, um nichts verändern zu müssen?

Das schwarze Loch der Ausreden

Ausreden können sich wie schwarze Löcher verhalten.

Sie verschlucken Deine eigene Macht.

Du sagst:

„Ich kann nichts verändern, weil mein Chef so ist.“

Und plötzlich liegt Deine gesamte Zukunft in den Händen Deines Chefs.

„Ich kann nicht trainieren, weil ich keine Zeit habe.“

Und plötzlich entscheidet Dein Kalender über Deine Gesundheit.

„Ich kann meinen Traum nicht verwirklichen, weil ich nicht genug Geld habe.“

Und plötzlich entscheidet Dein Kontostand darüber, ob Du überhaupt träumen darfst.

„Ich kann mich nicht trennen, weil die andere Person mich braucht.“

Und plötzlich ist Dein eigenes Leben weniger wichtig als das eines anderen Menschen.

„Ich kann nicht glücklich sein, weil mir in meiner Vergangenheit so viel passiert ist.“

Und plötzlich besitzt Deine Vergangenheit die Kontrolle über Deine Zukunft.

Vielleicht ist das alles verständlich.

Vielleicht ist vieles davon sogar wahr.

Aber die entscheidende Frage ist:

Lässt mir diese Erklärung noch Handlungsspielraum?

Oder nimmt sie mir jede Möglichkeit, etwas zu verändern?

Denn eine Erklärung kann Dir helfen, Deine Situation zu verstehen.

Eine Ausrede hingegen beendet die Suche nach einer Lösung.

Du bist nicht schuld. Aber Du bist nicht machtlos.

Ich glaube nicht daran, dass jeder Mensch für alles selbst verantwortlich ist.

Das wäre nicht nur unrealistisch.

Es wäre manchmal sogar grausam.

Du kannst nicht immer beeinflussen, was Dir passiert.

Du kannst nicht verhindern, dass andere Menschen Dich enttäuschen.

Du kannst nicht jede Krankheit vermeiden.

Du kannst nicht jede Ungerechtigkeit verhindern.

Du kannst nicht kontrollieren, welche Karten Dir das Leben gibt.

Aber vielleicht kannst Du beeinflussen, wie Du mit diesen Karten spielst.

Vielleicht kannst Du entscheiden, ob Du aufstehst.

Vielleicht kannst Du entscheiden, ob Du Hilfe annimmst.

Vielleicht kannst Du entscheiden, ob Du eine Grenze setzt.

Vielleicht kannst Du entscheiden, ob Du bleibst.

Vielleicht kannst Du entscheiden, ob Du gehst.

Vielleicht kannst Du entscheiden, ob Du heute zehn Minuten lang etwas für Dich tust.

Es muss nicht immer die große Entscheidung sein.

Oft beginnt Selbstverantwortung erstaunlich unspektakulär.

Mit einem kleinen Schritt.

Mit einer unbequemen Wahrheit.

Mit einem Gespräch.

Mit einem „Nein“.

Mit einem „Ja“.

Oder mit dem Satz:

„Ich weiß noch nicht, wie. Aber ich möchte herausfinden, ob es einen Weg gibt.“

„Ich kann nicht“ ist manchmal nur „Ich traue mich nicht“

Vielleicht ist das eine der schwierigsten Erkenntnisse.

Manchmal sagen wir:

„Ich kann das nicht.“

Aber eigentlich meinen wir:

„Ich habe Angst.“

Angst zu scheitern.

Angst, ausgelacht zu werden.

Angst, enttäuscht zu werden.

Angst, die falsche Entscheidung zu treffen.

Angst, etwas zu verlieren.

Angst davor, dass sich tatsächlich etwas verändert.

Denn auch Veränderung kann Angst machen.

Das Bekannte ist nicht immer schön.

Aber es ist bekannt.

Und manchmal halten wir an Situationen fest, die uns unglücklich machen, nur weil wir nicht wissen, was danach kommt.

Dann sagen wir:

„Ich kann nicht.“

Vielleicht wäre die ehrlichere Aussage:

„Ich weiß nicht, ob ich mich traue.“

Und das ist ein großer Unterschied.

Denn Angst bedeutet nicht automatisch, dass Du nicht gehen solltest.

Manchmal bedeutet Angst nur, dass Dir etwas wichtig ist.

Die gefährlichste Ausrede trägt oft ein Datum

„Ich fange morgen an.“

„Ab Montag.“

„Nach dem Urlaub.“

„Im neuen Jahr.“

„Wenn die Kinder größer sind.“

„Wenn ich mehr Zeit habe.“

„Wenn ich mich besser fühle.“

„Wenn endlich alles passt.“

Aber was, wenn endlich nie alles passt?

Was, wenn das Leben nicht darauf wartet, dass Du bereit bist?

Was, wenn Du nicht erst motiviert sein musst, um anzufangen?

Was, wenn Motivation erst entsteht, nachdem Du begonnen hast?

Wir warten so oft auf den perfekten Moment.

Dabei ist der perfekte Moment häufig nur eine besonders elegante Ausrede.

Denn „später“ fühlt sich angenehm an.

Später musst Du noch nichts entscheiden.

Später musst Du noch nichts riskieren.

Später kannst Du noch so tun, als wäre alles möglich.

Aber irgendwann wird aus „später“ ein „hätte ich doch“.

Und ich glaube, dass dieser Satz oft schmerzhafter ist als das Risiko, es zu versuchen.

Vielleicht bist Du nicht das Problem

Vielleicht hast Du Dir jahrelang erzählt, dass Du einfach nicht diszipliniert bist.

Vielleicht glaubst Du, dass Du zu wenig Willenskraft hast.

Vielleicht denkst Du, dass andere Menschen stärker, mutiger oder erfolgreicher sind.

Aber vielleicht stimmt das gar nicht.

Vielleicht hast Du nur immer wieder versucht, Dich in ein Leben zu pressen, das gar nicht zu Dir passt.

Vielleicht bist Du nicht undiszipliniert.

Vielleicht verfolgst Du ein Ziel, das gar nicht wirklich Deines ist.

Vielleicht bist Du nicht schwach.

Vielleicht bist Du erschöpft.

Vielleicht bist Du nicht unfähig.

Vielleicht hast Du nur noch nicht den richtigen Weg gefunden.

Vielleicht bist Du nicht gescheitert.

Vielleicht hast Du nur Informationen gesammelt.

Eine Ausrede zu erkennen bedeutet nicht, Dich selbst fertigzumachen.

Im Gegenteil.

Es bedeutet, Dir Deine Möglichkeiten zurückzugeben.

Und jetzt?

Lies Deine Liste noch einmal.

Und markiere die Sätze, bei denen Du innerlich spürst:

„Das ist nicht die ganze Wahrheit.“

Nicht:

„Das ist komplett falsch.“

Sondern:

„Da gibt es vielleicht noch mehr.“

Mehr Möglichkeiten.

Mehr Handlungsspielraum.

Mehr Einfluss.

Mehr Mut, als Du bisher angenommen hast.

Frage Dich:

Was liegt wirklich außerhalb meiner Kontrolle?

Und:

Was liegt vielleicht doch in meiner Hand?

Vielleicht kannst Du nicht sofort alles verändern.

Das musst Du auch nicht.

Du musst nicht Dein gesamtes Leben umkrempeln.

Du musst nicht morgen ein anderer Mensch sein.

Du musst nur aufhören, Dir einzureden, dass Du gar nichts tun kannst.

Denn vielleicht ist genau das die größte Lüge, die wir uns selbst erzählen.

Nicht:

„Ich kann alles schaffen.“

Das wäre ebenfalls unrealistisch.

Sondern:

„Ich kann nichts verändern.“

Vielleicht kannst Du nicht alles verändern.

Aber vielleicht kannst Du etwas verändern.

Und vielleicht ist dieses „Etwas“ genau der Anfang.

Die Frage, die Du Dir heute stellen kannst

Du bist nicht verantwortlich für alles, was Dir passiert.

Aber vielleicht bist Du verantwortlich dafür, ob Du für immer dort bleibst.

Also frage Dich:

Welche Ausrede erzähle ich mir schon so lange, dass ich sie inzwischen für die Wahrheit halte?

Und dann frage Dich:

Was könnte ich tun, wenn ich aufhöre, darauf zu warten, dass alle Bedingungen perfekt sind?

Vielleicht ist die Antwort klein.

Vielleicht sogar winzig.

Aber klein bedeutet nicht unbedeutend.

Ein Schritt ist ein Schritt.

Ein Anfang ist ein Anfang.

Und manchmal beginnt ein völlig neues Leben nicht mit einer dramatischen Entscheidung.

Sondern mit einem ganz leisen Moment, in dem Du Dir selbst sagst:

„Okay. Vielleicht kann ich nicht alles verändern.

Aber ich kann aufhören, so zu tun, als könnte ich gar nichts verändern.“

Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem Du Deine Macht zurückbekommst.

Nicht über alles.

Aber über Dich selbst.